Das ultimative Trainingsgerät oder Abnehmen beginnt im Kopf

Ich laufe, jogge auf der Stelle, warte darauf, dass die Ampel für die Autos auf rot springt und ich über den Fußgängerstreifen laufen kann – auf die andere Seite, in den Park und Wald. Der Frühling beginnt, Zeit, meinen Körper nach dem langen Winter in Form zu bringen.

Eine jährlich wiederkehrende Herausforderung, der ich mich in den ersten Wochen meines Projektes „Abnehmen und Muskelaufbau“ mit Freuden stelle, um dann mit Schwung nachzulassen. Dieses Jahr nicht! Ich habe meine mir altbekannte Joggingstrecke wieder aufgenommen und bin gar nicht so schlecht.

Neben mir stehen kleine Kinder an der Hand ihrer Eltern und schauen auf meine trippelnden Füße. Ein etwa dreijähriges Mädchen mit roter Wollmütze kichert. Ich muss auch echt zu dämlich aussehen mit meinem Trippelgehopse und lächle zurück. Eine Mutter mit Kinderwagen schließt auf, genau so wie weitere Eltern mit Kleinkindern. Die kleine Horde strebt zum sogenannten Elefantenspielplatz am Rand des Waldes. Er heißt so, weil die Rutsche ein Elefant ist, bzw. sein Rüssel. Immer noch springt die Ampel nicht um.

Eigentlich nicht schlecht für mich, so „laufe“ ich ein paar Schritte mehr, und komme schneller zur frühlingsfitten Figur, an der es noch hapert. Wie soll das auch mit abends Low Carb gehen, wenn die Kinder oder Teenager ständig Hunger haben und nach „Sättigungsbeilagen“ verlangen und ich dann einfach mitesse?

Oder Intervallfasten, wenn das Training der Kinder oder sonstige Veranstaltungen erst um 19.30 Uhr beendet sind, und wir das Abendessen in Familie einnehmen wollen, und morgens um 6.30 verlässlich der Wecker klingelt und du deinen Kindern weisgemacht hast: „Frühstück ist wichtig!“ und sie dich zurückfragen „Warum isst du dann nicht, Mama?“?

Deswegen möchte ich mehr Sport machen:

Muskelaufbau (noch nicht in Angriff genommen) bei gleichzeitigem Fettabbau und Konditionstraining (bin gerade dabei).

Endlich springt die Ampel auf grün um und ich sprinte los, biege bei der ersten Gabelung nach rechts. Auf dem Elefantenspielplatz toben schon jede Menge Kinder, warm eingemummelt, klettern auf Baumstämmen herum, balancieren über gespannte Seile, machen Klimmzüge am Reck, Hüftaufschwung (Der Horror aus der Schulzeit) und haben sichtlich Spaß dabei. Ganz anders als ich. Ich quäle mich ein wenig mit meiner Joggingstrecke von 4 km, aber ich kenne sie. Letztes Jahr bin ich sie auch schon viele Male gelaufen. Sie ist vertraut, bekannt. Um aber abzunehmen, müsste ich mich steigern, mal schneller mal langsamer laufen, mehr und weiter laufen – am besten das Doppelte.

Aber der Knoten in meinem Kopf kennt die Strecke, steuert, dass ich partout nicht einen Meter mehr laufen will, beteuert mir, dass diese Route wunderbar ist.

Nach dem Spielplatz geht es noch ein paar Dutzend Meter durch den Wald, dann biege ich rechts ab auf die Parkfläche, gefühlt so groß wie Central Park, und laufe auf einem Rundweg um die Fläche bis zu dem Weg, an dem im Sommer von donnerstags bis sonntags der „Espressomann“ steht und seinen röstfrischen Espresso und Cappuccino zubereitet. Rechts im Wald laufe ich hoch bis zum Flüsschen, biege davor links ab, laufe bis zur nächsten Hauptstraße, biege davor links ab und laufe im Wald entlang der Straße.

Wenn ich rechts von mir neben den Autogeräuschen, gefühlte 100 Hunde bellen höre, habe ich das Tierheim erreicht, halbe Strecke. An der Parkbank mit der zerbrochenen oberen Querstrebe laufe ich wieder nach links und komme auf die Parkfläche zurück. Über den Elefantenspielplatz geht es zurück zur Ampel. Austrippeln.

Fertig. Vier Kilometer geschafft.

Ich habe fast die Stelle erreicht, an der ab Mai, wenn die Sonne scheint, der „Eismann“ mit seinem rot-weiß überdachtem „Fahrradwagen“ steht und köstliches selbstgemachtes Erdbeer-, Zitronen- (beide mit Fruchtstückchen) und Bourbon-Vanilleeis verkauft (ungefähr 700 Meter vor dem Platz des Espressomannes). Plötzlich läuft ein graziles Reh, ein Mädchen von 18 Jahren, an mir vorbei. Die Sportklamotten getuned, Run Kit am Arm. Ja, ja, denke ich mir, warte ab, bist du auch mal einen Babybauch hattest. Danach ändert sich einiges. Ertappt greife ich mir an den Kopf. Was habe ich nur für negative Gedanken? Ich schicke dem Mädel telepathisch eine Entschuldigung hinterher, seufze ein „Alles hat seine Zeit“ und konzentriere mich wieder auf meinen Atem. Vielleicht doch heute mal 100 Meter mehr? „Nein“ dröhnt es entschieden und sofort durch meinen Kopf.

Und prompt setzt auch noch Seitenstechen ein.

Der kleine Teufel Faulpelz in mir möchte eine Pause. Nicht, weil ich nicht mehr kann, sondern weil ich Entschuldigungen suche. So kann das doch nicht weitergehen? Ich biege in den Wald. Niemand kommt mir entgegen.

 

Kein Wunder.

Die Menschen sitzen zuhause im Warmen, trinken Kaffee und machen es sich gemütlich. Ich laufe an einem anderen, etwas abseits gelegenen Spielplatz im Wald vorbei. Er hat keinen Namen, zumindest keinen, der mir in meinem „Wir gehen auf den Spielplatz“-Abschnitt meines Lebens bekannt wurde. Bis zu ihm laufen Eltern selten mit ihren Kindern. Sie tummeln sich lieber auf dem näher gelegenen Elefantenspielplatz, plaudern dicht gedrängt auf den wenigen Bänken. Ein ähnliches Phänomen wie auf Kreuzfahrtschiffen. Um das kleine Schwimmbecken drängt es sich, 200 Meter weiter auf dem Deck ist es deutlich ruhiger. Auf diesem Spielplatz ist es sehr ruhig. Dabei steht in seiner Mitte ein „Piratenturm“, nicht sehr hoch, aber ansprechend gemacht, der nur über einen Klettersteig, ein Seil und Baumstämme zu erobern ist.

Ich lasse den Spielplatz links liegen, jogge weiter bis zum Flüsschen, biege davor ab und will wie üblich bis zur nächsten Hauptstraße laufen.

 

Da sehe ich den Spielplatz durch die winterlich kahlen Bäume blitzen und mir leise zurufen: „Komm doch! Komm doch zu mir!“ Ich ignoriere sein Rufen, laufe weiter. Doch dann machen sich meine Beine selbständig, rennen nicht bis zur nächsten Straße, sondern kehren um und laufen über einen anderen Waldweg zum Spielplatz zurück (joggen sogar einen Umweg!!!).

Auf dem Spielplatz ist immer noch niemand. Schnell balanciere ich auf dem Baumstamm hoch zum Türmchen, halte mich zur Sicherheit an den Querseilen fest. In den Turm kann man entweder durch eine Öffnung kriechen oder steigt über einen Balken oder bückt sich drunter her.

Ungeschickt schwinge ich ein Bein nach dem anderen über die Holzstange, balanciere auf der anderen Seite die „Hanfseilbrücke“ wieder hinunter auf die Erde, gehe um den Turm und ziehe mich nun am vertikalen Seil hoch wie ein nasser Sack, bücke mich dieses Mal unter die Stange und stehe stolz ein zweites Mal im Piratenturm (allerdings wegen der Kinderhöhe nicht ganz aufrecht) und blicke über die Lichtung. Am Rande des Spielplatzes erspähe ich eine Holzrolle, auf der man laufen kann.

Das will ich ausprobieren.

Obwohl ich mich an den Griffen festhalte, um mich auszubalancieren, und nur langsam über die Rolle gehe, dreht sich das Teil viel zu schnell für mich. Immer wieder muss ich abspringen, wenn ich nicht auf die Nase fallen will, und steige trotzdem wieder auf die „Rolle“. Endlich nach einer gefühlten Ewigkeit und völlig außer Atem gelingt es mir und übermütig schließe ich drei Sätze à acht Liegestütze an der Bank an, gefolgt von drei Sätzen rückwärtigen Sit-Ups. Und dann will ich nochmal auf den Turm. Dieses Mal klappt das Drübersteigen schon viel besser. Und weiter geht die Joggingrunde bis zur Hauptstrasse und dann links. Die Hunde bellen – eigentlich „Halbzeit“ – und mich durchströmt ein pures Glücksgefühl.

 

War das ein Spass!

Ich bin tatsächlich mindestens 500 Meter mehr gelaufen. Und habe das ultimative kostenlose Trainingsgerät für mich entdeckt – einen Kinderspielplatz. Den baue ich nächstes Mal wieder mit ein. Vielleicht sogar einen ungeliebten Hüftaufschwung auf dem
Elefantenspielplatz? Ich wär soweit. Alles gut fürs Abnehmen und Muskelaufbau (Ich kann es schon bald nicht mehr hören) Aber egal: Abnehmen beginnt im Kopf. Als ob diese Erkenntnis neu wäre! Nein, aber in meinem Kopf ist der Knoten heute geplatzt.

 

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